9. Arbeitsgebiet: Geschichte der Pflanzenzüchtung

Ansprechpartner:
Dr. Albrecht Meinel, Heimburg
Dr. Hardnak Graf v.d.Schulenburg, Bad Salzuflen
Den Termin des nächsten AG-Treffens finden Sie unter "Neuigkeiten" im GPZ-Terminkalender! Hier finden Sie auch die aktuellen Programme der Veranstaltungen sowie Informationen zur Anreise, etc..
Bericht der 17. AG-Tagung
in Verbindung mit dem Landeshauptarchiv Sachsen-Anhalt:
Abteilung Magdeburg, Standort Wernigerode in 38855 Wernigerode, Lindenallee 21
am 06./07. Mai 2010 in Kloster Drübeck und Wernigerode
- 43 Teilnehmer -
Organisation und Leitung: Dr. Albrecht Meinel, Heimburg
Im Verlauf von Recherchen zur Geschichte der Pflanzenzüchtung in Deutschland festigte sich bei den Mitgliedern der AG9 die Überzeugung, dass die Erschließung von Möglichkeiten für die sichere Bewahrung von Archivmaterialien aus den Züchterhäusern eine sehr dringliche Aufgabe darstellt. Auf früheren Tagungen wurde bereits mehrfach vorgeschlagen, über die „Archivierung in der Pflanzenzüchtung“ zu beraten. Die 17.Tagung widmete sich daher speziell diesem Thema und fand am 1.Tag im „Evangelischen Zentrum Kloster Drübeck“ bei Wernigerode statt. Am 2.Tag besichtigten die Teilnehmer das Landeshauptarchiv Sachsen-Anhalt (LHSA) im Gebäude der „Orangerie“ in Wernigerode, das Archivgut aus 10 Jahrhunderten, u.a. auch Guts- und Familienarchive einiger Saatzuchtgüter, beherbergt.
Nach Begrüßung der Teilnehmer und Gäste durch den Unterzeichnenden ergriff Prof. Röbbelen das Wort und verlas ein Glückwunschschreiben für Dr. Meinel aus Anlass seines 75.Geburtstages, in dem ihm die Mitglieder der AG für sein Wirken bei der Organisation und inhaltlichen Gestaltung der Arbeit zur „Geschichte der Pflanzenzüchtung“ danken und weiter zu lesen ist: „ … Sie haben als erfolgreicher Züchter selbst ein Stück Geschichte der Pflanzenzüchtung gestaltet und mit Ihren Bemühungen um das Bewahren des Gedenkens an Wilhelm Rimpau und seines züchterischen Vermächtnisses einen bedeutenden Beitrag zur Geschichte der Pflanzenzüchtung in Deutschland geleistet.“
Anschließend sprach Dr. J. Brückner, Leiter des Standortes Wernigerode des LHSA, zu dem Thema „Das Landeshauptarchiv Sachsen-Anhalt und seine Bestände speziell zur Saat- und Pflanzenzucht sowie die Möglichkeiten zur Deponierung von Nachlässen.“ In dem Dienstgebäude des LHSA „Tessenowhalle“ in Magdeburg befinden sich Archivalien folgender Pflanzenzuchtbetriebe: Gustav Jaensch, Aschersleben aus den Jahren 1886-1945; Rabbethge & Giesecke, Kleinwanzleben ab 1823; Gebrüder Dippe, Quedlinburg 1871–1945 sowie persönliche Nachlässe von Carl Esche und Heinrich Mette, Quedlinburg. Weiterhin: Archivalien aus dem „Institut für Genetik und Kulturpflanzenforschung“ Gatersleben (1945-1991), aus dem „Institut für Züchtungsforschung“ Quedlinburg (1952-1990) und aus dem „Institut für Rübenforschung“ Kleinwanzleben (1956–1991). Das LHSA Standort Merseburg beherbergt Archivunterlagen aus der „VVB Saat- und Pflanzgut“ Quedlinburg (1950–1986), der Nachfolgeeinrichtung „VE Kombinat für Pflanzenzüchtung und Saatgutwirtschaft“ (1988-1990) sowie aus dem Gut Boltze & Wentzel in Teutschenthal (1800-1945). Im LHSA Standort Wernigerode befinden sich Archivalien aus den Gütern der Familien von Zimmermann (Benkendorf), von Veltheim (Harbke), von Nathusius (Meyendorf und Hundisburg), Wentzel (Teutschenthal) und Rimpau (Langenstein). - Die Übernahme von Archivalien durch das LHSA kann auf der Grundlage kostenfreier Depositalverträge (bei individueller Ausgestaltung ) oder auch als Schenkung (gegen Spendenquittung) erfolgen. Die Bearbeitung übernommener Archivalien geschieht dann zunächst durch deren Bewertung (unter Einbeziehung von Fachleuten), gefolgt von der Einrichtung einer Ordnung sowie Vergabe von Bezeichnungen und Signaturen. Es folgt die Erarbeitung von Findbüchern, wobei deren zunehmende Vernetzung zwischen verschiedenen Archiven zu virtuellen Findbüchern in Zukunft für Nutzer außerordentlich hilfreich sein wird.
Im zweiten Vortrag befasste sich Dr. A. Börner (IPK Gatersleben) mit der Frage: „60 Jahre Evaluierung von Genbankmaterial – unübersehbares Datenmeer oder nutzbare Ressource?“ Als Bundeszentrale für die ex situ–Erhaltung von Kulturpflanzen verfügt die Genbank des IPK Gatersleben gegenwärtig über 148.000 Akzessionen von über 2.400 kultivierten Arten mit der Zielstellung, diese Kollektionen weiter zu ergänzen, zu erhalten und genetisch zu analysieren sowie über Referenzsortimente verschiedener Arten. Bei der Erhaltung und Bearbeitung der Kulturpflanzensortimente fallen zu ihrer Charakterisierung sowie bei primärer und sekundärer Evaluierung umfangreiche Mengen von Passport- und Evaluierungsdaten an. Die früher übliche Methode der handschriftlichen Datenerfassung in Tabellen wurde durchgängig computerisiert, so dass heute für jede Akzession Passport- und Evaluierungsdaten sowie zusätzliche Informationen abrufbar sind. – Für die Entschlüsselung und züchterische Nutzung der genetischen Variabilität von vorhandenen Samenmustern stellen die dokumentierten Evaluierungsdaten aus verschiedenen Screenings, die z. T. in Zusammenarbeit mit weiteren Instituten erhoben wurden, die Grundlage für eine Auswahl dar. Auf Grund dieser Daten können „core collections“ für Analysen züchterisch relevanter Merkmale gebildet werden, für deren genetische Analyse im IPK u.a. die assoziationsbasierte Kartierung angewendet wird. – Seit 1953 erfolgte die Bereitstellung von über 770.000 Mustern für verschiedene Nutzer, davon im Jahr 2009 insgesamt 22.799 Muster (für Züchter 3.637).
In der Arbeitssitzung wurde zunächst das weitere Vorgehen in Zusammenhang mit dem „Biographischen Lexikon zur Geschichte der Pflanzenzüchtung“ erörtert. Dr. Meinel dankte Prof. Röbbelen für die abschließende Bearbeitung der 4. Folge sowie der Fertigstellung und Auslieferung der digitalisierten Fassung als 2. Auflage. Der Konzeption dieses Lexikons entsprechend stellt die Weiterführung durch Einbeziehung von Biographien „nachrückender“ Züchter und Forscher eine ständige Aufgabe der GPZ dar, für welche die Herausgeberschaft durch den Vorstand zu klären ist. Bis das geschehen ist wird vorgeschlagen, anfallende neue biographische Daten und Ergänzungen zunächst in einem Briefkasten im Sekretariat der GPZ im JKI Quedlinburg zu sammeln. Prof. Röbbelen schlug vor, diesen Briefkasten später in der BDP-Zentrale in Bonn einzurichten. – Anschließend informierte der Unterzeichnende über die von einer Arbeitsgruppe (Vorsitz: Dr. E. Brecht, Bürgermeister) begonnene Erarbeitung eines Memorandums zur Errichtung eines „Science Center Pflanze“ in der Welt-Kulturerbe-Stadt Quedlinburg. Neben Vertretern der BTU Cottbus (Architektur), des IBA-Büros Dessau und der Stadt Quedlinburg gehören dieser AG aus Fachkreisen an: Prof. Wobus (IPK Gatersleben), Prof. Ordon, Prof. Schiemann, Dr. Schumann (JKI Quedlinburg), Dr. Katzek (BIO Mitteldeutschland), Prof. J. Rimpau (Rat f. nachhaltige Entwicklung Berlin), W. von Rhade (NORDSAAT Böhnshausen), Dr. Meinel (Heimburg) und Prof. W. Rimpau (Berlin). Mit Bezug auf die Thematik unserer 17. AG9-Tagung heißt es in einem Beratungspapier: „Es könnte ein Ort der Geschichte der wissenschaftlichen Archive und historischen Objekte, der Kommunikation über Ernährung und der Produktion von Nahrungsmitteln … sein.“ Für die zu erwartenden baulichen Veränderungen auf dem ehem. Dippe-Gelände in Quedlinburg wies Dr. Stein darauf hin, dass die dortige Dippe-Büste von der GPZ gestiftet wurde und das JKI deren Bewahrung sichern sollte. – Als Tagungsort für die 18. Tagung der AG Geschichte 2011 schlug Prof. Röbbelen das Zuckerdorf Kleinwanzleben vor, in dem kürzlich ein Zuckermuseum eröffnet wurde. Dr. Junghans erklärte die Bereitschaft zur organisatorischen Vorbereitung in Zusammenarbeit mit der KWS. Für die Moderation der Tagung wurde Prof. W.E. Weber (Halle) vorgeschlagen. Dr. Meinel bat anschließend um Vorschläge und auch Unterstützung des GPZ-Vorstandes für die anstehende Neuwahl des AG–Vorsitzenden und erklärte: „Seit 1998 habe ich mich mit Interesse und Freude an der Gestaltung der jährlich folgenden Veranstaltungen beteiligt und bitte nach dieser 17. Tagung um Entlastung von der Funktion des AG-Vorsitzenden.“ – Den Hauptgegenstand der Diskussionen in der Arbeitssitzung bildeten Detailfragen zur Archivierung züchterischer Nachlässe: Als „archivierungswürdig“ wurden zunächst Urkunden, Nachweise von Rechtsvorgängen, Fotos, Karten, Pläne, Jahresbilanzen (beispielhaft) genannt (Brückner, Senff). Wichtig sind besonders auch komplette Dokumentationen von Zuchtprogrammen aus verschiedenen Zeitepochen (Schachschneider, Röbbelen). Für bekannte Züchterpersönlichkeiten sollten die noch vorhandenen Gesamtnachlässe (auch Briefwechsel, weitere Archivalien zum persönlichen Wirken über die Pflanzenzüchtung hinaus u.a.) in Archive zur kompetenten Bewahrung gegeben werden (W. Rimpau, Berlin). – Für die Übergabe von privaten Archiven bestehen verschiedene rechtlich geregelte Möglichkeiten, z.B. individuell gestaltete Depositalverträge, Stiftungen u.a. (Brückner). – Im Verlauf der zurückliegenden Recherchen zur Geschichte der Pflanzenzüchter durch die AG9 wurde die Dringlichkeit besonders deutlich, züchterisches Archivmaterial zu sichern, wofür die Mitglieder der AG9 und weitere Zeitzeugen besondere Verantwortung tragen. Sie werden sich, soweit das möglich ist, an der Sichtung und Beurteilung der vorhandenen und für die Archivierung vorgesehenen Unterlagen beteiligen. Weiterhin wurde vorgeschlagen, ein Schreiben der AG9 an den BDP-Vorstand zu richten (evtl. unter Beifügung des Musters eines Depositalvertrages), um die Möglichkeiten für die Bewahrung von züchterischen Archivalien aus Züchterkreisen in Archiven zu kommunizieren (Kley, Bulich). – Diesem Vorschlag folgend wird der Unterzeichnende – nach Abstimmung mit Dr. Brückner (LHSA), Prof. Röbbelen, Dr. Kley und Dr. Bulich – ein Schreiben dem BDP–Vorstand für die Tagung im August übergeben. – Die Arbeitssitzung wurde gegen 17.30 Uhr geschlossen.
Danach erlebten die Tagungsteilnehmer eine Führung durch die Klosteranlage und die romanische Klosterkirche St. Vitus als Kern des ehemaligen Benediktinerinnenklosters, das erstmalig im Jahre 960 urkundlich erwähnt wurde. Das „Evangelische Zentrum Kloster Drübeck" verfügt heute nach umfangreichen Rekonstruktions- und Modernisierungsmaßnahmen über moderne Tagungsräume für unterschiedlich große Gruppen sowie Übernachtungsmöglichkeiten für 100 Gäste.
Am Morgen des 07.Mai besichtigten die Teilnehmer das Landeshauptarchiv Sachsen-Anhalt (Standort Wernigerode) in dem ehemaligen Gebäude der Orangerie der barocken Gartenanlage der Grafen zu Stolberg-Wernigerode, das in den Jahren 1964 – 1967 im Auftrag der Staatlichen Archivverwaltung der DDR zu einem Archivzweckbau umgestaltet worden war. Nach Darstellung der Geschichte des Archivstandortes Wernigerode (Dr. Brückner), der bedeutungsvollsten Bestände (aus der preußischen Provinz Sachsen und deren territorialen Vorgängern; Herrschafts- und Gutsarchive, Leichenpredigten-Sammlungen) sowie zu praktischen Fragen des Archivwesens (Nutzung, Archivberatungsstelle, Archiv-Netzwerke für Findbücher, Archivpflege u.a.) durch Dr. Vollmer wurden Archivräume (u.a. mit Separationskarten aus der Provinz Sachsen und weiteren preußischen Gebieten in originalen Holzkisten) besichtigt. Mitglieder der AG äußerten nach der Besichtigung ihre uneingeschränkte Zustimmung, den an der Archivierung ihrer Bestände interessierten Züchterhäusern zu empfehlen, mit dem Wernigeröder Archiv in Verbindung zu treten.
Den Abschluss der Tagung bildete eine interessante Führung (Herr W. Kropf) durch die Innenstadt von Wernigerode, der „Bunten Stadt am Harz“, die durch ihre Lage, ihre kulturelle Ausstrahlung (Internationale Chor- und Klavierwettbewerbe, Schloss-Festspiele) und touristischen Angebote zunehmendes Interesse ihrer zahlreichen Besucher erfährt.
(A. Meinel, Heimburg)
Bericht der 16. AG-Tagung
in der Universität Stuttgart-Hohenheim: Deutsches Landwirtschaftsmuseum
am 20./22. April 2009 in Hohenheim, Gönningen und Tübingen
- 45 Teilnehmer -
Organisation und Leitung: Dr. Albrecht Meinel, Heimburg
Der Vorsitzende der AG 9, Dr. Albrecht Meinel, verband sein Willkommen für die Tagungsteilnehmer mit einem Dank an Herrn Prof. A.M. Steiner, Hohenheim, für seine Ratschläge bei der organisatorischen Vorbereitung der Tagung sowie an Herrn Dr. K. Herrmann, Leiter des Deutschen Landwirtschaftsmuseums Hohenheim, für die freundliche Einladung, die Vortrags- und Diskussionsveranstaltung zum Thema „Staat und Wirtschaft in der Pflanzenzüchtung“ in seinem Hause durchzuführen.
Danach begrüßte der neue Leiter der Landessaatzuchtanstalt der Universität Hohenheim, Dr.
Jochen C. Reif, die Tagungsteilnehmer und zahlreiche Gäste. Er informierte über die derzeitigen Aufgaben seiner Institution und gab im Angesicht der staatlichen Mittelreduzierungen für Forschung und Entwicklung einen kurzen Ausblick. Die Landessaatzuchtanstalt ist heute eine Forschungseinrichtung der Universität im Bereich der Pflanzenzüchtung, deren Schwerpunkte die Wechselwirkung zwischen Pflanze und Schädlingen, die Genomforschung bei landwirtschaftlichen Kulturpflanzen, die Nutzung genetischer Ressourcen und die Weiterentwicklung von Zuchtmethoden mit biotechnologischen und klassischen Verfahren bilden. Dabei versteht sie sich als Bindeglied zwischen Grundlagenforschung und Züchtungspraxis in einer zunehmend komplexer werdenden Forschungslandschaft.
Anschließend begründete Dr. Meinel seinen Vorschlag, die 16. Tagung einem Jubilar zu widmen, der im Rahmen der AG 9 Außergewöhnliches für die gemeinsame Arbeit auf dem Gebiet der Geschichte der Pflanzenzüchtung geleistet hat: Herrn Prof. Gerhard Röbbelen, der in wenigen Tagen das 8. Lebensjahrzehnt beenden wird. Nach zustimmendem Beifall der Anwesenden verlas er einen Text für den Jubilar, in dem über dessen Verdienste um die Arbeitsgruppe 9 zu lesen ist: „ … Als Resultate entstanden neben vielfältigen aufschlussreichen Einzeldarstellungen und Protokollen die im Vorjahr erschienene Dokumentation „Die Entwicklung der Pflanzenzüchtung in Deutschland (1908-2008)“ sowie das „Biographische Lexikon zur Geschichte der Pflanzenzüchtung“ mit seinen biographischen Beiträgen über Züchter- und Forscherpersönlichkeiten aus dem deutschen Sprachraum. Das Zustandekommen dieser Publikationen als Gemeinschaftsprojekte ist vor allem Ihrem unermüdlichen Wirken als Herausgeber zu verdanken. - Darüber hinaus trugen Sie durch Anregungen und persönliche Aktivität in entscheidendem Maße sowohl zur inhaltlichen Gestaltung als auch zur organisatorischen Vorbereitung der jährlichen Tagungen unserer Arbeitsgruppe bei. …“. Unter anhaltendem Beifall der Tagungsteilnehmer überreichte Dr. Meinel dieses Schreiben als Hommage an Herrn Prof. Dr. Dr.h.c.mult. Gerhard Röbbelen.
Der danach folgende, erste Vortrag von Dr. Jonathan Harwood, Professor für History of Science and Technology an der University of Manchester (UK) „Erfolg bringt Ärger - Die Kontroverse über die süddeutschen Landessaatzuchtanstalten, 1902-1933“ führte in das Generalthema der Tagung ein. Ausgehend von den Gründungen staatlicher Anstalten für Pflanzenzüchtung in mehreren westlichen Ländern als öffentliche Dienstleistung zur Förderung der Landwirtschaft, darunter den Landessaatzuchtanstalten in Bayern und Baden-Württemberg, stellte Harwood die Beziehungen zwischen der privaten Wirtschaft und der öffentlichen Forschung in Deutschland bis 1933 dar. Diese waren sowohl durch Zustimmung zu dem Konzept solcher Institutionen als auch durch Kritik vorwiegend der mitteldeutschen Privatzüchter gekennzeichnet, die diese Anstalten als Konkurrenten erkannten. Sie gründeten im Jahr 1908 die „Gesellschaft zur Förderung der privaten Pflanzenzüchtung“ (GFP), um ihre Forderung zu unterstreichen, die Züchtungsforschung in staatlichen Einrichtungen zu intensivieren, ohne jedoch Sortenentwicklung zu betreiben! - Über dieses historisch aufgearbeitete Beispiel hinausreichend ergibt sich auch aus internationalen Entwicklungen die Frage nach der geeigneten Rolle der öffentlichen Forschung: „Soll sie eine öffentliche Dienstleistung bieten oder soll sie der privaten Wirtschaft dienen? Obwohl manche es offenbar seit einem Jahrhundert nicht wahrhaben wollen, zeigt die Geschichte der Pflanzenzüchtung - ob in den USA, in Schweden oder Süddeutschland - dass Staatsanstalten doch fähig gewesen sind, wirtschaftlich erfolgreiche Sorten zu entwickeln und damit einem Großteil der landwirtschaftlichen Bevölkerung zu dienen. Ob sie das aber auch in Zukunft schaffen werden - vor allem in den Entwicklungsländern, wo sie dringend nötig wären - wird davon abhängen, wie ihre Rolle definiert wird und wie viel staatliche Unterstützung sie bekommen. Und diese Fragen sind letztlich politische“ (Zitat Harwood).
Die anschließende Diskussion, an der sich insbesondere Dr. F. Keydel (Weihenstephan), Dr. E. von Kittlitz und Prof. H. Geiger (für Hohenheim) beteiligten, ergänzte den Vortrag: „Es gab keine Sorte in Deutschland, bei der die LSA Weihenstephan Sortenschutzinhaber war…“; „die Wirksamkeit der LSA Weihenstephan reicht(e) über die Züchtung und Züchtungsforschung hinaus. Ihre Richtlinienkompetenz für über 70 Landwirtschaftsämter in Bayern bestimmt die agrarpolitischen Entwicklungen im umfassenden Sinne“. „Bei Gründung der LSA Hohenheim 1905 durch Prof. C. Fruwirth lag die Züchtungsforschung, Sortenentwicklung und -prüfung in einer Hand. Jedoch bereits nach dem 1.Weltkrieg wurde die Sortenprüfung separiert, und die LSA Hohenheim entwickelte ihre Aufgabenstellung bis zu der einer Forschungseinrichtung der Universität heute.
Herr Prof. W.E. Weber (Halle) war leider verhindert, wie vorgesehen den zweiten Teil der Veranstaltung „Ein Blick in die Zukunft: Pflanzenzüchtung im 21. Jahrhundert“ zu moderieren. Prof. G. Röbbelen leitete diesen Teil mit einer thesenhaften Darstellung zum Generalthema „Staat und Wirtschaft in der Pflanzenzüchtung“ ein. Die historische Entwicklung des Verhältnisses von „reiner“ zu angewandter Forschung hat sich bezüglich der Bewertung im Verlaufe des vergangenen Jahrhunderts bis heute umgekehrt. - Die Kostenexplosion in Forschung und Züchtung führt zunehmend zu einer wirtschaftlichen Dominanz von global operierenden, kapitalkräftigen Konzernen. In Deutschland geschieht heute die Vorlaufforschung für die Pflanzenzüchtung u.a. in der GFP, hier jedoch vorwiegend nur in kurzfristigen Projekten. Einschränkungen im universitären Bereich durch die Bundesländer führen zu unzulänglicher Förderung des „personellen Kapitals“ für die Pflanzenzüchtung. - Die Einstellung der Gesellschaft zur Pflanzenzüchtung veränderte sich grundlegend von Zustimmung in den Anfängen des 19. Jhdts und in Kriegszeiten bis zur heutigen Forderung „Gen-freier“ Nahrungsmittel. - Die Pflanzenzüchtung im 21. Jahrhundert wird als Folge ihrer Verwissenschaftlichung durch weitere Spezialisierung und Konzentration sowie durch den Zwang zu verstärkter Kooperationen gekennzeichnet sein. Dabei sind als staatliche Aufgaben der Rechtsrahmen, Forschung und Ausbildung und die öffentliche Meinungsbildung anzusehen. Regionale Pflanzenzüchtung wird für spezielle öko-klimatische Bedürfnisse der Pflanzenproduzenten, insbesondere aber auch für die Bearbeitung „kleinerer Arten“ (Gemüse, Zierpflanzen, Arznei- und Gewürzpflanzen) erhalten bleiben. Darüber hinaus dürften neue Nutzungsrichtungen pflanzlicher Produkte (Chemierohstoffe, Energiepflanzen) die Pflanzenzüchtung im 21. Jahrhundert mit bestimmen.
Frau Dr. Stephanie Franck, Geschäftsführerin der Pflanzenzucht Oberlimpurg, stellte in ihrem zweiten Impulsreferat über die Pflanzenzüchtung im 21. Jahrhundert die Analyse der bei der weiteren Entwicklung der Pflanzenzüchtung absehbaren und notwendigen wirtschaftlichen und rechtlichen Bedingungen in den Mittelpunkt ihrer Ausführungen. Der Rednerin ist besonders dafür zu danken, dass sie trotz Ausfalls der powerpoint-Technik durch systematische und klare Darstellung im Auditorium große Aufmerksamkeit zu gewinnen verstand. - Ausgehend von der Tatsache, dass Pflanzen auch im 21. Jahrhundert „in allen Bereichen benötigt“ werden, führte sie aus, dass es zur Erreichung der sich ständig entwickelnden (verändernden) Zuchtziele größere Möglichkeiten zur Schaffung genetischer Variabilität geben und die Selektion durch Marker effizienter wird, dass sich die Forderungen nach „Überlegenheit in der Zielumwelt“ verstärken werden und die Verfügbarkeit von Saatgut „vor Ort“ weiterhin gegeben sein muss. Für die Durchführung von Zuchtprogrammen ist nach wie vor die Refinanzierung entscheidend, wie sie durch Kapitalverfügbarkeit, Effektivität der angewandten Züchtungsmethoden, durch die Qualifizierung der Züchter und die Zugriffsmöglichkeiten auf genetische Ressourcen (Patentbeschränkungen) bestimmt wird. Da die Kosten für Innovationen ständig steigen (werden), nimmt der Druck auf die Gestaltung des Rechtssystems, insbesondere des Patentrechts (Züchtervorbehalt), zu. Entscheidend für die gegenwärtig sich vollziehende starke Konzentration der Züchtungskapazitäten bei Mais, Baumwolle, Soja und auch Weizen ist der realisierbare wirtschaftliche Gewinn. Dieser Konzentration scheint jedoch eine abnehmende Innovationskraft entgegenzuwirken (Beispiel Pharmaindustrie), so dass in Zukunft nicht damit zu rechnen ist, „dass nur drei Konzerne für die Welt züchten“. - Die rege Aussprache zu den beiden Impulsreferaten offenbarte unterschiedliche, durch Argumente gestützte Meinungen der Teilnehmer. Diese lauten kurz zusammengefasst: „Ihre hohe Innovationskraft und ihre stärkere Anpassungsfähigkeit (Flexibilität) wird zum Fortbestand der mittelständischen Pflanzenzüchtung führen“ und „Wenn sich dereinst bei Weizen die Hybridzüchtung durchsetzt, werden die Multis weltweit wohl auch den Weizenanbau bestimmen“.
Im Anschluss führte Dr. K. Herrmann durch das Deutsche Landwirtschaftsmuseum, das mit 5700 qm Ausstellungsfläche größte in Deutschland ist. Seine pointierten Erläuterungen fanden ebenso wie zahlreiche seltene und auch historisch bedeutsame Exponate das besondere Interesse der Teilnehmer.
Die Geschäftssitzung der AG am 21.04. im Seminarraum 9 des Instituts für Pflanzenzüchtung wurde eingeleitet durch Informationen von Prof. Röbbelen über den Stand der Bearbeitung des „Biographischen Lexikons“: Die 4. Folge geht in Kürze in Druck, Subskriptionspreis € 12,- (nach Erscheinen € 15,-). Für die 2. Auflage des Gesamtwerkes ergeht die Aufforderung zur Mitwirkung der Mitglieder bei der Ermittlung von Sterbedaten und weiterem Ergänzungsbedarf, Termin 15.07.2009. Für diese 2. Gesamtausgabe, ~1150 Seiten, gilt als Subskriptionsangebot für eine DVD je € 10,- (nach Erscheinen € 12,-) und für ein Buch je € 50 (nach Erscheinen € 60,-). - Dr. Meinel informierte über die Möglichkeit zur Archivierung von Unterlagen zur Geschichte der Pflanzenzüchtung im Landeshauptarchiv Sachsen-Anhalt, Abt. Magdeburg, Standort Wernigerode (Leiter: Herr Dr. Brückner) und übergab dazu Flyer dieses Archivs. Es wurde beschlossen, auf der kommenden 17. Tagung der AG 9, die in der Nähe von Wernigerode stattfinden sollte, die Möglichkeiten und das weitere Vorgehen zum Bewahren von Archivalien zur Geschichte der Pflanzenzüchtung zu konkretisieren und dazu Vertreter von BDP/GFP einzuladen, um dieses Anliegen allen Züchterhäusern bekannt zu machen.
Anschließend führte Herr Prof. A.M. Steiner die Sitzungsteilnehmer von der Fruwirthstr.21 mit kurzem Halt auf dem Hohenheimer Universitätsfriedhof zum verabredeten Treffpunkt mit den Begleitpersonen am Eingang zum Exotischen Garten (Landesarboretum). Seine Ausführungen zur Historie der Hohenheimer Gärten, zu ihrer Bedeutung für Lehre und Forschung sowie beim anschließenden Rundgang zu einzelnen Baumarten und zu Veränderungen der Parkgestaltung und -bewirtschaftung fanden bei den Teilnehmern großes Interesse. Der sonnige Frühlingstag ließ diese Parkführung für alle zu einem unvergesslichen Erlebnis werden.
Am Nachmittag begann das Nachprogramm (13 Teilnehmer) in Gönningen am Fuße der Schwäbischen Alb, dessen Geschichte besonders im 19. Jhdt. mit einem weltweiten Samenhandel (Hausierhandel) verbunden ist. Nach der Besichtigung der Firma Samen-Fetzer mit Ausführungen des Inhabers u.a. über den heutigen Handel mit Saatguttüten (incl. Internet-Handel) und über die aktuelle Einführung der Sommerblumenmischung „Mössinger Sommer“ besichtigten die Teilnehmer den Gönninger Friedhof, auf dessen Gräbern und Freiflächen unzählige Tulpen und Narzissen blühten. Die Tradition, Gräber ihrer Angehörigen mit den damals noch teuer gehandelten Tulpen zu bepflanzen, begründeten die Gönninger Samenhändler(innen) schon in der Mitte des 19. Jhdts; sie wird bis heute mit großer Unterstützung der Bevölkerung weiter gepflegt. Auf dem Weg zum Rathaus zum abschließenden Besuch des Samenhändlermuseums besichtigten die Teilnehmer in der Kirche das Samenhändlerdenkmal, das an 244 Gönninger Händlerinnen und Händler erinnert, die in der Fremde starben und nicht mehr in ihre Heimat zurückkehren konnten.
Nach Übernachtung in Tübingen und einer sehr anregenden, informationsreichen Führung durch dessen Innenstadt am Vormittag des 22. April endete das Nachprogramm der 16. Tagung der AG 9 mit einer herzlichen Verabschiedung der Teilnehmer „bis zum nächsten Mal“.
(A. Meinel, Heimburg)
11./12. März 2008 in Berlin
15. AG-Tagung in der Humboldt-Universität
- 50 Teilnehmer –
Organisation und Leitung: Prof. Erhard Thomas, Potsdam-Babelsberg
Am 18. Februar 1908 traten die deutschen Pflanzenzüchter im Architektenhause in Berlin zur Gründung der „Gesellschaft zur Förderung deutscher Pflanzenzucht e.V.“ zusammen. Der 100ste Jahrestag, der am 10. März 2008 mit einen Festvortrag von Frau Dr. Annette Schavan, Bundesministerin für Bildung und Forschung, im Museum für Gegenwart, ehemals Hamburger Bahnhof, Invalidenstraße 50, Berlin, gebührend begangen wurde, war Anlass für die Einladung zur 15. Tagung der GPZ-AG (9) „Geschichte der Pflanzenzüchtung“ am folgenden Tage hier nach Berlin-Mitte in das historische Gebäude der Agrarfakultät der Humboldt-Universität in der Invalidenstraße 42.
Die Tagung eröffnete der Dekan der Fakultät, Prof. Otto Kaufmann, indem er die Tagungsteilnehmer und eine größere Anzahl weiterer Gäste begrüßte und ihnen die derzeitige Situation und Perspektiven der Fakultät vorstellte. Die Fakultät hat die Lehre sehr früh und mit gutem Erfolg auf Bachelor- und Master-Studiengänge umgestellt. Inzwischen haben aber rigide Sparmaßnahmen dazu geführt, dass beim Lehrkörper kaum noch die „kritische Masse“ für die Durchführung einer ordnungsgemäßen akademischen Lehre gegeben ist. Das bringt eine sehr hohe Belastung für die Lehrenden mit sich. Da die agrarwissenschaftlichen Einrichtungen in Ostdeutschland an den Universitäten in Halle und Rostock in ähnlicher Lage sind, entstand ein Projekt, durch einen Verbund dieser Einrichtungen die Lehre auf einem angemessenen Niveau zu gewährleisten. Ähnliches ist im Gartenbaustudium in internatonalem Rahmen u. a. mit Bologna und Budapest geplant. Die Forschungsleistungen der Fakultät finden allenthalben hohe Anerkennung
Anschließend hob Prof. Gerhard Röbbelen noch einmal hervor, dass es die GPZ-AG Geschichte war, die erstmals bereits 2003 auf die Gründung der GFP im Jahre 1908 aufmerksam machte. Sie erarbeitete als Votivgabe für die GFP zu ihrem Jubiläum in nahezu vierjähriger Arbeit eine Dokumentation über „Die Entwicklung der Pflanzenzüchtung in Deutschland (1908-2008)“. Dieses Opus von 70 Autoren, ganz überwiegend Mitgliedern unserer Gesellschaft (GPZ), konnte termingerecht fertig gestellt werden. Unter dem Applaus der Anwesenden überreichte Prof. Röbbelen das erste öffentlich verfügbare Exemplar dem bekannten englischen Agrarhistoriker Prof. Jonathan Harwood, London, der anlässlich eines Forschungsaufenthalts in Berlin an der AG-Veranstaltung teilnahm. Sodann berichtete Prof. Röbbelen aus den Anfängen der GFP kurz über den Ort der GFP-Gründung - das Architektenhaus in Berlin, über den Initiator ihrer Gründung, den damaligen Zuckerrüben-züchter Ludwig Kühle-Aderstedt und seine engagierte und kluge Führung als Erster Vorsitzender der GFP über 25 Jahre bis zu ihrer Auflösung („Gleichschaltung“) durch die Nationalsozialisten 1933 sowie über die Aktivitäten der GFP in diesem ersten Vierteljahrhundert, die deutlich weiter gesteckt waren als das Aufgabengebiet der heutigen GFP.
Der AG-Vorsitzende, Dr. Albrecht Meinel, der leider diesmal an der Tagung nicht teilnehmen konnte, hatte aus dem umfangreichen Nachlass von Wilhelm Rimpau (1842-1903), Schlanstedt und Langenstein, einige Ausschnitte aus dessem Briefwechsel mit den Berliner Professoren Hugo Thiel (1838-1918) und Ludwig Wittmack (1839-1929) ausgewählt, die von dem Urenkel des Züchters, Prof. Dr. med Wilhelm Rimpau, Berlin, sowie den Berliner Professoren Odenbach und Thomas in verteilten Rollen vorgetragen wurden und das wissenschaftliche Klima nacherlebbar machten, in dem sich die Anfänge der modernen Pflanzenzüchtung in Deutschland in den letzten drei Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts vollzogen haben.
Nach einer Kaffeepause führte Prof. Thomas unter der Überschrift „Berlin – Standort der Agrarforschung seit 1810“ die Teilnehmer anhand einer kommentierten Zeittafel von den Wurzeln in der Königlich Preußischen Akademie der Wissenschaften in Berlin, gegründet 1700 von König Friedrich I von Preußen auf Vorschlag von Gottfried Wilhelm Leibniz, und der Lehranstalt Albrecht Daniel Thaers in Möglin hin zur Eröffnung der Berliner Universität im Jahre 1810 (ab 1828: Friedrich-Wilhelms-Universität), in der Thaer als Erster auf eine Professur für Kameralistik berufen wurde, die er bis 1819 innehatte. Es folgten 1859 in Landwirtschaftliches Lehrinstitut an der Friedrich-Wilhelms-Universität und1881 die Königlich Landwirtschaftliche Hochschule mit ihrem repräsentativen Gebäude in der Invalidenstraße auf dem Gelände der ehemaligen königlichen Eisengießerei (1881-1934), die strukturellen Einschnitte der Vor- und Nachkriegszeit des Zweiten Weltkrieges mit der Eingliederung der Landwirtschaftlichen Institute in Dahlem in die Technische Universität Westberlins bis zur Landwirtschaftlich-Gärtnerischen Fakultät der Humboldt-Universität zu Berlin heute.
Eingesprengt in dieses Gerüst schilderten 8 Beiträge verschiedener Redner schlaglichtartig die Bedeutung einzelner Berliner Institutionen und in ihnen das Wirken bekannter Wissenschaftler. Prof. Wolfrudolf Laux, Berlin, stellte anhand der Entstehungsgeschichte der Kaiserlichen Biologischen Anstalt für Land- und Forstwirtschaft heraus, wie diese Gründung 1898 einen Wendepunkt in der Wissenschaftspolitik des Deutschen Reiches bezeichnete, indem sich hier aus der Zuständigkeit des Reiches für die Maßnahmen des internationalen Reblausabkommens und dem damit betrauten Kaiserlichen Gesundheitsamt Schritt für Schritt ein gesamtstaatlicher agrarischer Verantwortungsbereich entwickelte, der bis dahin Landesinstituten vorbehalten war. Der Beitrag der späteren Biologischen Reichsanstalt zur Entwicklung des bald weltbekannten Wissenschaftszentrums in Dahlem und die Integration dieser ersten gesamtstaatlichen Forschungseinrichtung für Agrarwissenschaften in dieses „Deutsche Oxford“ geschahen gleichermaßen beispielgebend.
Alle Vortragstexte dieser AG-Tagung sind inzwischen in Heft 74 der GPZ-Reihe „Vorträge für Pflanzenzüchtung“ im Druck erschienen und nachlesbar. Deshalb mag es ausreichen, an dieser Stelle die Themen und Redner der weiteren Beiträge aufzulisten:
- Kurt von Rümker (1859-1940), vorgetragen von seinem Enkel Arnold von Rümker, Berlin;
- Elisabeth Schiemann (1881-1972), eine außergewöhnliche Wissenschaftlerin, und
- Das Institut für Vererbungs- und Züchtungsforschung in Berlin-Dahlem unter dem Direktorat von Hans Kappert (1931-1957), beide Beiträge zusammengestellt von Wolfgang Horn, Freising, und Walter Hondelmann, Großhansdorf (Vortragender);
- Die Deutsche Akademie der Landwirtschaftswissenschaften zu Berlin, AdL (1951-1991), ein Beitrag von Karl Krieghoff, Dorf Wehlen;
- Vererbungs- und Züchtungsforschung an der Humboldt-Universität nach 1950 – Mudra, Zimmermann und die Folgen, berichtet von Erhard Thomas, Potsdam;
- Das Institut für Vererbungs- und Züchtungsforschung / Angewandte Genetik in Berlin-Dahlem 1958-2000, Auszüge aus einer 2003 von Gertrud Linnert † und Werner Odenbach, Berlin, verfassten Instituts-Chronik, und
- Das Dahlemer Institut heute, von Thomas Schmülling, dem derzeit zuständigen Institutsleiter.
Für die Begleitpersonen hatte Frau Thomas nachmittags ein Kulturprogramm vorbereitet mit Führungen im Brechthaus und über den Dorotheenstädtischen Friedhof bzw. im Centrum Judaicum, der restaurierten Berliner Synagoge. Am Abend versammelten sich die Tagungsteilnehmer zu einem geselligen Beisammensein im nahen Hotel Joachimshof an der Invalidenstraße.
Die Themen der AG-Geschäftssitzung an kommenden Morgen waren unspektakulär.
- Prof. Röbbelen dankte noch einmal allen an der Dokumentation (Vortr. Pflanzenzüchtg. 75) beteiligten Autoren für ihre ungewöhnliche, engagierte Kooperation, durch die ein Buch zustande kam, das die erste Monographie von 1910 über die deutsche Pflanzenzüchtung von Paul Hillmann würdig fortsetzen dürfte.
- Schon fast als Routine bat er um Zusendung jedweder biographischen Dokumente – Laudationes, Jubiläumsberichte, Nachrufe, historische Recherchen – , an das GPZ-Sekretariat, woselbst diese sorgsam archiviert und vor dem Vergessen bewahrt werden. Für ein umfassenderes Archiv oder gar Museum der deutschen Pflanzenzüchtung haben die Gespräche Beteiligter bisher noch keine realisierbare Lösung gefunden; aber das Thema wird nach wie vor verfolgt. - Zunächst wird das GPZ-Sekretariat am 1. Oktober diesen Jahres seinen Standort wechseln: Im Julius-Kühn-Institut in Quedlinburg hat es sehr freundlich und hilfreich unterstützt ein neues Domizil gefunden.
- Für die Zukunft der GPZ-AG Geschichte gilt es, neues Engagement zu entwickeln: Der schon im Vorjahr gefasste Beschluss, dass jedes Mitglied zur nächsten Tagung ein neues Mitglied mitbringt, wird angesichts des steigenden Durchschnittsalters nachdrücklich wiederholt. Auch hat inzwischen der zweite AG-Vorsitzende, Graf Hardnak von der Schulenburg, aus gesundheitlichen Gründen gebeten, ihn von diesem Ehrenamt zu entbinden. So wird 2009 auch eine Neuwahl im Vorsitz zu erörtern sein.
- In Vertretung des AG-Vorsitzenden Albrecht Meinel fragt Röbbelen nach Vorschlägen für die nächstjährige Tagung bezüglich Orten und Themen. Sein schon vormals gemachter Vorschlag, in Hohenheim zu tagen und auf dem Weg dorthin das Samenhändlermuseum in Gönningen, ggf. auch eine der Blumenzuchtstätten im Stuttgarter Raum, z.B. die Firma Klemm und Sohn, zu besuchen, wird von den Anwesenden überwiegend als nicht außerhalb ihrer Reisemöglichkeiten gesehen.
Einen überaus anregenden Abschluss fand die Tagung mit einem Besuch in dem der Agrarfakultät unmittelbar benachbartem Naturkunde-Museum (Invalidenstr. 43). Nach einer Einführung durch den stellvertretenden Generaldirektor Dr. Ferdinand Damaschun wurden die Teilnehmer im Innenhof des Museums mit seinem Riesensaurierskelett empfangen und in zwei Gruppen von hoch kompetenten Mitarbeitern mit vielen spannenden Informationen über die Entwicklung der Lebensformen dieser Erde durch die letzten ein- bis zweihundert Millionen Jahre geführt. Angesichts der Fülle des pädagogisch vorbildlich Demonstrierten reichten die verfügbaren 2 ½ Stunden nur für einen ersten Eindruck und den dringenden Wunsch zum Wiederkommen aus.
(E. Thomas, Potsdam, und G. Röbbelen, Göttingen)
3./4. Mai 2007 in Göttingen und Hann.Münden
14. AG-Tagung im Department für Nutzpflanzenwissenschaften, Universität Göttingen,
und bei der Ernst Benary Samenzucht, Hann.Münden
- 52 Teilnehmer –
Organisation: Prof. Gerhard Röbbelen, Göttingen
Leitung: Dr. A. Meinel, Heimburg,
und Dr. H. Graf v.d. Schulenburg, Salzuflen
Nach einem gemeinsamen Mittagessen der Tagungsteilnehmer in der Klinik-Mensa der Universität Göttingen diente der erste Teil des Treffens einer öffentlichen Vortragsveranstaltung im Hörsaal in der Von-Siebold-Straße, in dem Graf von der Schulenburg rd. 120 Zuhörer im Namen der GPZ begrüßen konnte. Unter dem Generalthema
„Göttingen seit 1767 (1857) Standort von Lehre und Forschung für die Landwirtschaft“
erinnerte Prof. Wolfgang Böhm als erster Redner an zwei historische Daten:
Im Wintersemester 1767/68 hielt der soeben nach Göttingen berufene Johann Beckmann (1739-1811) hier die erste Vorlesung über Landwirtschaft. Weit über Göttingen hinaus wurde Beckmann bekannt durch sein erstmals 1769 erschienenes Lehrbuch „Grundsätze der deutschen Landwirtschaft“, das bis 1806 sechs Auflagen erlebte und in dem er das damalige landwirtschaftliche Wissen systematisierte, klassifizierte und versuchte, aus der Alltagssprache der Landwirte eine wissenschaftliche Terminologie zu entwickeln.
Parallel zu diesen Kameralwissenschaftlern, die an den Universitäten Vorlesungen über Landwirtschaft hielten, betätigten sich in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts zahlreiche gebildete Landwirte als so genannte „Experimentalökonomen“. Sie legten Feldversuche an und veröffentlichten deren Ergebnisse in zum Teil umfangreichen Büchern. Einige dieser Landwirte gründeten private Schulen, so in Celle 1802 Albrecht Daniel Thaer (1752-1828). Aber seine Bemühungen, seinen landwirtschaftlichen Lehrkurs nach Göttingen zu verlegen und dort ein landwirtschaftliches Institut zu begründen, scheiterten nicht zuletzt auch am Widerstand Johann Beckmanns. Erst den zunehmenden Forderungen der landwirtschaftlichen Provinzialvereine im Königreich Hannover gelang es, dass 1848 ein solcher landwirtschaftlicher Lehrkurs auch an der Universität Göttingen eingerichtet wurde. Dessen organisatorische Leitung oblag der Direktion von mehreren Professoren, zu denen auch Friedrich Griepenkerl (1826-1900), ein Schüler Justus von Liebigs, gehörte. Ihm diente das vor den Toren Göttingens gelegene Klostergut Weende als Demonstrations- und Musterbetrieb. Dieser wurde, dem Zeitgeist folgend, 1857 in „Königlich Hannoversche landwirtschaftliche Akademie zu Göttingen-Weende“ umbenannt. Noch im selben Jahre beschloss die Königliche Landwirtschafts-Gesellschaft zu Celle, ihre landwirtschaftliche Versuchstation unter der Leitung von Wilhelm Henneberg (1825-1890), vormals Sekretär der Celler Landwirtschafts-Gesellschaft, nach Weende zu verlegen. Mit Hennebergs grundlegenden Arbeiten zur Futtermittelbewertung erlangte die Weender Versuchsstation weit über die Landesgrenzen hinaus internationales Ansehen. Aber auch an der Universität Göttingen entwickelte sich aus diesen Anfängen die landwirtschaftliche Ausbildung geradlinig weiter, wie Prof. Böhm fortführend berichtete.
Danach rückten vier weitere Göttinger Professoren in ihren Vorträgen die anschließenden Perioden der Pflanzenzüchtung an diesem Ort in den Mittelpunkt ihrer Betrachtungen:
Gerhard Röbbelen: Von Otto Beseler bis August Lohmann – Pflanzenzüchtung im Klostergut Weende – 1890-1945 (1970).
Gerd Kobabe: Von Kurt von Rümker bis Arnold Scheibe – Pflanzenzüchtung im (Landwirtschaftlichen) Institut der Universität – 1889-1970.
Bernward Märländer: Das Institut für Zuckerrübenforschung an der Universität Göttingen - Public Private Partnership seit 1947.
Heiko Becker: Pflanzenzüchtung an der Universität Göttingen – Die letzten 3 ½ Jahrzehnte.
Alle Vorträge sollen in absehbarer Zeit in der GPZ-Reihe „Vorträge für Pflanzenzüchtung“ gedruckt verfügbar gemacht werden.
Während der Zeit der Vortragsveranstaltung waren die begleitenden Damen der Teilnehmer der freundlichen Einladung von Frau Dr. Röbbelen zu einem Teestündchen in den Tuckermannweg gefolgt.
Am Abend des ersten Tages fuhren alle Tagungsteilnehmer nach Hann.Münden, wohin die Firma Ernst Benary Samenzucht zur Besichtigung ihrer „Pack Trial“-Blumenschau eingeladen hatte. Hier eröffnete Dr. Meinel das Programm und dankte den Herren Benary sen. und jun. für die nach 10 Jahren erneute freundliche Einladung. Während der anschließenden Führung in zwei Gruppen durch die eindrucksvolle Schau der Neuzüchtungen und des gesamten Sortiments der Firma durch die Herren Benary jun. und den Zuchtleiter Dr. Mehring-Lemper standen unter anderem die folgenden züchterischen Fragen zur Diskussion:
- Der Einfluss der „großtechnischen“ Pflanzenanzucht in spezialisierten und weitgehend automa- tisierten Jungpflanzen-Anzuchtbetrieben, die bis zu 60 ha Fläche unter Glas bewirtschaften, auf Züchtungsverfahren und Saatgutqualität bei verschiedenen Arten;
- Blütenbiologische und vermehrungstechnische Besonderheiten verschiedener Zierpflanzen;
- Der wissenschaftlich-technische Fortschritt auf dem Gebiet der Saatgutproduktion und
-bearbeitung, wie Pillierung, Primung u.a.m.
Mit einem gemeinsamen Abendessen und Beisammensein inmitten der wunderschön arrangierten Exponate der Benary’schen Zierpflanzenzüchtungen klang der Tag aus – ein besonderes Erlebnis!
Nach Übernachtung der auswärtigen Teilnehmer im benachbarten Hotel Freizeit Auefeld traf sich die AG hier am nächsten Morgen von 8.30 bis 10.00 Uhr zu ihrer Arbeitssitzung. Dr. Meinel begrüßte insbesondere Frau Dr. G. Oettler, Hohenheim, und die Herren B. Stiller, Waldbrunn/Oberdielbach, und Dr. K. Brunckhorst, Einbeck, die zum ersten Mal an der Tagung teilnahmen, und eröffnete die Tagesordnung:
Biographisches Lexikon: Prof. Röbbelen verteilte an die Mitglieder eine Zusammenstellung von möglichen Vorlagen für eine 4. Folge (s. Anlage) und stellte die Frage, ob eine solche Fortsetzung bereits jetzt infrage komme. Es wurde beschlossen, dass jeder Teilnehmer an ihn in den nächsten 4 Wochen eine Liste schickt von potentiellen Eintragungen mit Namen der zu Behandelnden und möglichst mit denkbarem Autor. Sollten insgesamt wenigstens 100 im Wesentlichen neue Biographien zusammen kommen, soll die Arbeit in Angriff genommen werden. Aus technischen Gründen müsste die 4. Folge allerdings noch im Laufe des Jahres 2008 erscheinen!
Archivierungsfragen: Dr. Meinel unterstrich am Beispiel von Wilhelm Rimpau (1842-1903) die Notwendigkeit, eine baldige Lösung für eine professionelle Archivierung von Nachlässen bedeutender Züchter/Züchtungsforscher zu finden. Es wird beschlossen, dass die AG 9 zu diesem Thema ein Memorandum erarbeitet, für das die Herren Drs. von der Schulenburg, Meinel und Ahlheim in den nächsten Monaten einen Entwurf vorzubereiten gebeten werden. Dafür wird in der Diskussion auf folgende Details hingewiesen: Bereits staatlich archivierte Unterlagen (z.B. aus dem IfZ Quedlinburg im Landesarchiv in Magdeburg und Merseburg) sollten natürlich dort verbleiben, aber nach Möglichkeit zentral erfasst werden (Stein). Für das Bundesarchiv sind in den gesetzlichen Regelungen Kriterien für die Auswahl von zu archivierendem Material vorgeschrieben, die zu beachten sind (Ahlheim). Die positiven Erfahrungen von Prof. W. Rimpau mit dem Staatsarchiv Sachsen-Anhalts in Wernigerode im Zusammenhang mit der Archivierung von Material seiner Familie sollten als Hinweis für Archivierungsmöglichkeiten bisher ungesicherter Nachlässe benutzt werden (Meinel).
Entwicklung der Züchtung und des Samenbaus bei Futterpflanzen in Baden. Als Saatzuchtleiter der Pflanzenzucht Oberdielbach von 1963 bis 1997 berichtete Herr Stiller über die dortigen Züchtungsaktivitäten. Ausgehend von einer Arbeitsgemeinschaft für Altfränkische Luzerne und dem
Badischen Verein für Futtersaatenbau wurden hier im Jahre 1924 gemeinsame Arbeiten zum Samenbau und zur Züchtung von Futterpflanzen (Luzerne, Deutsches Weidelgras, Lieschgras, Knaulgras, Rotschwingel, Wiesenrispe, Rotklee, Schwedenklee, Hornschotenklee u.a.) begonnen. Unter der tatkräftigen, sachkundigen Leitung des in Oberdielbach aufgewachsenen Futterpflanzenzüchters Fritz Schmidt erlebte die Odenwälder Saatzucht Oberdielbach nach dem Zweiten
Weltkrieg mit der Entwicklung zahlreicher ertragreicher und bestens adaptierter Gräser- und Kleesorten einen überaus erfolgreichen Aufschwung und machte den Namen Oberdielbach weit über die Grenzen Deutschlands hinaus bekannt. Bald nach der Übernahme der Genossenschaft (zeitweise über 1000 Mitglieder) durch die Raiffeisen Karlsruhe 1992 musste die Züchtung ein-
gestellt werden. Herr Stiller hat darüber eine Dokumentation zusammengetragen, die sich im Archiv der Gemeinde Waldbrunn befindet.
Entwicklung der Pflanzenzüchtung in Deutschland – 100 Jahre GFP e.V. – eine Dokumentation.
Prof. Röbbelen informierte über den Bearbeitungsstand und die Absicht, die Dokumentation (ca. 650 Seiten) bis zum Oktober des Jahres in Druck zu geben. Das erfordert konzentrierte Arbeit an den noch ausstehenden Beiträgen (insbes. im Abschnitt V zu Wirtschaft und gesellschaftlicher Bewertung der Pflanzenzüchtung). Die Erarbeitung der eigentlichen Festschrift zum GFP-Jubiläum erfolgt durch die Agentur PUBLIK und ist hier in guten Händen. Die Druckkosten für die Dokumentation der GPZ gestatten es nicht, den beteiligten Autoren außer einer Anzahl von Sonderdrucken ihrer Beiträge je ein Freiexemplar zukommen zu lassen. Für die beteiligten Autoren wird mit einem Vorzugspreis von 25,- € / Exemplar gerechnet, was ausnahmslos akzeptiert wurde.
AG-Tagung 2008. Es wird vorgeschlagen, die Tagung unmittelbar vor oder nach der Festveranstaltung „100 Jahre GFP“ zu organisieren. Hierzu liegen uns seitens der GFP noch keine Informationen über Termin, Ort etc. vor. Falls der Ort Berlin ist, kämen für die AG als Tagungsort die Invalidenstraße 42 bzw. das Brauerei-Institut in Berlin oder auch das Leibnitz-Institut in Müncheberg/Mark infrage. Prof. Thomas erklärte sich zu Vorklärungen vor Ort bereit.
Zum Abschluss der Tagung erfolgte unter der Führung von zwei sehr sachkundigen Damen des Verkehrsamts ein Rundgang durch die seit dem Mittelalter niemals zerstörte Stadt mit ihren Bauten aus den verschiedensten Stilepochen, die den historischen Reichtum dieses Handels- und Warenumschlagsplatzes an Werra und Weser bis heute widerspiegeln. Mit einem erstklassigen Menü (zu 10 €) im Ratsbrauhaus und einem allgemeinen „Auf Wiedersehen im nächsten Jahr“ endete die Tagung.
(A. Meinel, Heimburg)
22./23. Juni 2006 in Leutewitz/Meissen
13. AG-Tagung bei der Deutschen Saatveredelung, Zuchtstation Leutewitz
- 61 Teilnehmer –
Organisation: Dr. J.C. Vaupel, Leutewitz
Leitung: Dr. A. Meinel, Heimburg,
und Dr. H. Graf v.d. Schulenburg, Salzuflen
Nach seiner Begrüßung lud der Leiter der DSV-Station Leutewitz, Dr. Vaupel, die Teilnehmer als Erstes zu einem Imbiss ein. Das Vortragsprogramm eröffnete Dr. H. Graf v.d. Schulenburg im Obergeschoss des neuen Saatzuchtgebäudes mit einem Dank an Dr. Kley und die Leitung der DSV für die freundliche Einladung nach Leutewitz. Von den Teilnehmern begrüßte er besonders Frau Hanna Steiger und Herrn Dr. H.U. Steiger mit seiner Frau Cornelia als Vertreter der Familie Steiger, die ihren Besitz in Leutewitz durch die Bodenreform in der SBZ 1946 verloren und verlassen mussten.
Die Vorträge der Tagung mit Beiträgen zur Geschichte der Pflanzenzüchtung in Leutewitz sollen in einem nächsten Heft der GPZ-Reihe „Vorträge für Pflanzenzüchtung“ gedruckt werden. Ihr Inhalt sei deshalb nachfolgend nur mit wenigen Stichworten skizziert:
Frau Dr. U. Schütze: „Anfang und Entwicklung – die Familie Steiger“.
Das Gut Leutewitz war von 1767 (85 ha) bis 1945 im Besitz der Familie Steiger. Aus den „Erinnerungen aus meinem Stammschäferleben“, einem >500-seitigen Manuskript von
Adolph Steiger über die Anfänge (1805) der „weltbekannten“ Leutewitzer Merino-Vollblut-Stammzucht. – Beginn (1825) der Massenauslese bei Futterrüben aus der bayerischen Landsorte ‘Oberndorfer Rübe’ durch C.A. Leberecht Steiger; Zuchtziele: Nährstoffertrag (Laboranalysen) und Rübenform (Kugel); positiver Standorteinfluss (Leutewitz) zugunsten hoher Trockentoleranz der ‘Leutewitzer Rübe’. – 1876 Beginn der Massenauslese aus dem Sächsischen Gebirgshafer durch K. Otto Steiger; Zuchtziele: Feinspelzigkeit (<22%), Frühreife und Ertrag. – 1880 Beginn der erfolgreichen Auslesezüchtung im englischen ‘Squarehead’-Weizen, den O. Steiger direkt aus Dänemark bezogen hatte; Zuchtziel: Erhöhung der Winterfestigkeit. 1887 DLG-Wanderversammlung in Dresden mit Exkursion nach Leutewitz.
Dr. H. Graf v. d. Schulenburg: „Futterrübenzüchtung in Leutewitz und Eckendorf“.
Darstellung der Kulturgeschichte der „Runkelrübe“ vom Beginn des Anbaus 1750 über die enorme Ertragssteigerung durch Stickstoffdüngung in den Jahren 1860-80 bis zu einer maximalen Anbaufläche von rd. 1 Mio. ha in Deutschland 1940; danach ein stetiger Rückgang im Anbau bis nahezu zur wirtschaftlichen Bedeutungslosigkeit der Futterrübe in der Gegenwart. Alle Bemühungen der Züchter, die arbeitsökonomischen Nachteile u.a. durch Entwicklung monogermer Sorten und maschinell erntefähiger Rübenformen auszugleichen, konnten den Niedergang nicht aufhalten. – Während in Leutewitz die Schaffütterung Ausgangspunkt für die Futterrübenzüchtung war, wurde W.v. Borries in Eckendorf seit 1846 durch den zunehmenden Einsatz von Futterrüben in der Milchviehfütterung zur Auslese von walzenförmigen „Runkeln“ aus einem Formengemisch angeregt. – In Zukunft wird der Futterrübenanbau begrenzt sein: zur Ausnutzung der diätetischen Wirkung (in der Milchviehfütterung) vorwiegend in kleinen Tierbeständen und evt. Einsatz in der Biogaserzeugung.
Dr. G. Kley, Lippstadt: „Die DSV – von Landsberg nach Lippstadt und Leutewitz“.
1923 Gründung der DSV in Landsberg/Warthe: Mangelhafte Versorgung mit Futterpflanzensaatgut nach dem 1. Weltkrieg, Grünlandbewegung. – Dr. Walther Fischer, erster DSV-Geschäftsführer; wegweisender Aufbau des Vertragsanbaus bei der Futtersaatenvermehrung.– 1929 „Landsberger Gemenge“ = je 20 kg/ha Weidelgras, Inkarnatklee und Winterwicken.
– 1945 Wiederaufbau der DSV durch Dr. Renius in Lippstadt; 1952 ist DSV größte Produk-tionsfirma von Futterpflanzensaatgut in Deutschland; 1965 und 1976 Übernahme weiterer Zuchtprogramme durch die DSV. – Aufnahme Dänemarks in die EU löst 1980/81 drastischen Preisverfall von Futterpflanzensaatgut aus. Erweiterung des Fruchtartenspektrums bei der DSV, positive Entwicklung insbesondere bei Qualitätsraps. – 1990 erste Kontakte des VEG Saatzucht Leutewitz zur DSV; diese führten 1991 zur Übernahme des VEG durch die DSV.
Dipl. agr. M. Freitag, Dresden: „Pflanzenzüchtung und Saatgutwirtschaft in Sachsen“
1895: Vereinheitlichung der Frachtgebühren für Saatguttransporte fördert in ganz Sachsen den Saatgutkauf der Landwirte. – 1900: Saatbaugenossenschaft ‘Pirnaer Roggen’. ‘Erzgebirgischer Gelbhafer’ und Flachszüchtung in Altmitweida. – 1907: erste „Saatbauinspektoren“ als Absolventen des Landwirtschaftl. Instituts der Univ. Dresden. – Erste Mähdruschversuche Ende der 1920er Jahre. – Nach 1934: Reichsnährstandsgesetze fördern den Saatgutwechsel. – 1937 wird in Nossen eine Sortenregisterstelle eingerichtet (Milatz): Infolge der Kriegswirren wird 1943 die Zentrale des Sortenregisters von Berlin nach Nossen verlegt. – Bodenreform in Sachsen: Enteignete Fläche = 270.000 ha. – 1950 werden das Gut Berthelsdorf bei Löbau, 1953 das Gut Plaußig bei Leipzig zu Saatzuchtbetrieben; in Motterwitz Fortsetzung der Gräserzüchtung (A. Günther). – Hohes Saatgutaufkommen des VEB Saat- und Pflanzgut Dresden für die sozialistischen Landwirtschaftsbetriebe (100%iger Saatgutwechsel bei Getreide) und für den Export (25.000 t in die Sowjetunion, insbes. Sommergerste). – Seit der Wiedervereinigung ist die BayWa führend in der Saatgutversorgung der sächsischen Landwirte.
Dr. C. Funke, Celle verliest auszugsweise einen Bericht über die Exkursion der „Fachschule für Landwirtschaft des Landes Sachsen in Meißen“ am 26. Juni 1948 zur Besichtigung des DSG-Betriebes Leutewitz.
Dr. J.C. Vaupel, Leutewitz: „Die Pflanzenzüchtung in Leutewitz von 1945 bis heute“.
1952 wird Leutewitz Saatzuchthauptgut mit vorwiegend erhaltungszüchterischen Aufgaben. 1965 Beginn von Neuzüchtungsarbeiten bei Gräsern (Frau Dr. Schütze). 1970 Neuzüchtung bei Wintergerste (Dr. Herrmann). 1978 wird Leutewitz Hauptzuchtstation für Wintergerste und Gräser des VVB Saatgut; umfangreiche Investitionen (Gebäude, Gewächshäuser). 1988 Beginn eines Biotechnologie-Gebäudes, bis zur Wiedervereinigung nicht fertig gestellt. Aktive Rolle der Saatzucht Leutewitz bei der Entwicklung der Zuchtgartentechnik in der DDR. – 1990 Beginn der Kooperation mit der IG Pflanzenzucht München. 1991 Übernahme durch die DSV Lippstadt. Erfolgreicher Aufbau der Winterweizenzüchtung nach 1990 (Herr Schlieter).
Besichtigung der neuen Saatgutaufbereitungs- und Lagerhallen, der Gewächshäuser und Aufbereitungsräume für Zuchtmaterial, der Demonstrationsfläche Getreide und des sorgfältig restaurierten Gutshofes.
Anlässlich des gemeinsamen Abendessens der Teilnehmer im Hotel „Goldener Löwe“ in Meißen übergab Dr. Junghans eine gerahmte Reproduktion der „Leutewitzer Runkelrübe“ an Herrn Dr. Steiger. In den 1920er Jahren hatte der Werbephotograph und -zeichner Hansen für die KWS farbige Darstellungen aller Futterrübensorten gefertigt. Aber von der „Leutewitzer“ blieb nur eine photographische Schwarz-Weiß-Platte erhalten, von der Dr. Junghans das übergebene Bild reproduzieren ließ.
Arbeitssitzung der AG am 23.6., 8:30 bis 10:30 Uhr im Hotel „Goldener Löwe“ (Leitung Dr. A. Meinel).
Personalia: Prof. Röbbelen informiert: Die Mitglieder der AG Herr Rudolf Benary und Freiherr Grote haben ihr Ausscheiden aus Alters- bzw. Gesundheitsgründen mitgeteilt. Mit ihren Grüßen an alle Teilnehmer haben sich für diese Tagung als verhindert gemeldet: Herr Dipl. H. Baudis, Prof. R. Steuckardt, Dr. W. Baier, Dipl. M. Hortig und Prof. W. Hondelmann.
Verschiedenes: Dr. Stein weist auf ein Buch für historisch Interessierte hin: „Familie Mette - Quedlinburg am Harz. Eine Geschichte zur Entwicklung der Saatzucht in Deutschland seit 1784“, aufgezeichnet von Hans-Jürgen Vogler, Habsburgstr. 14, CH 3006 Bern, Dezember 2005, 158 Seiten incl. Abbildungen, Preis € 40,00 (!). Bezug durch Immobilienbüro Dr. Drewes, Brühlstr. 1, 06484 Quedlinburg.
Als sehr informativ und lesenwert erschien inzwischen die Dissertation von Thomas Wieland: „Wir beherrschen den pflanzlichen Organismus besser, …“, Wissenschaftliche Pflanzenzüchtung in Deutschland, 1889-1945. Deutsches Museum, München. 271 S., € 25,00. Bezug: GPZ-Sekretariat.
Dr. Stein empfiehlt überdies einen Besuch in dem zu einem Hotel ausgebauten ehem. Stammsitz der Familie von Kameke in Streckenthin [Hotel Bursztynowy Palac, Strzekęcino 12,
PL-76 024 Świeszyno. Tel.: +48 (094) 31 61 227. Fax: +48 (094) 31 61 442.
eMail: biuro@hotel-bursztynowy-palace.pl
Internet: www.hotel.bursztynowy-palac.pl
Biographisches Lexikon: Prof. Röbbelen erhielt seit Abschluss der 3. Folge des Lexikons bereits weitere 30 Eintragungen (vorwiegend von Dr. Reiser), die einen Ergänzungsdruck in absehbarer Zeit nahe legen. Dementsprechend bittet er alle Mitglieder um Weiterführung einschlägiger Recherchen, insbesondere um Mitteilung jedweder relevanten Information (Jubiläen, Laudationes, Auszeichnungen, Nachrufe u.a.m.) an seine Adresse. Die Einrichtung eines „Biographischen Briefkastens“ (z.B. im Haus der Pflanzenzüchtung“ in Bonn) wird von ihm weiter verfolgt.
Pflanzenzüchtung in Deutschland – 100 Jahre GFP e.V.: Prof. Röbbelen verteilt eine Übersicht über den derzeitigen Bearbeitungsstand: 28 Beiträge liegen druckfertig vor, 12 Beiträge sind bei den Autoren in Revision, 13 Autoren haben noch nichts vorgelegt, sind jedoch „an der Arbeit“. Für 5 Beiträge werden Autoren noch gesucht. Insbesondere fehlen Informationen über die Zeit des Neuanfangs in Westdeutschland nach dem Kriege zwischen 1945 und 1956 (Jahr der Wiedergründung der GFP) sowie Beispiele für nationale und internationale Kooperationen von Zuchtbetrieben/Züchtern in den letzten 50 Jahren.
Prof. Röbbelen bittet alle Autoren, die noch ausstehenden Beiträge bis spätestens Ende September d.J. fertig zu stellen. Im Oktober möchte die GFP beginnen, auf der Grundlage des Gesamttextes die rd. 100seitige Festschrift „im Hochglanzformat“ in Angriff zu nehmen. Gleichzeitig will die GPZ anhand des umfassenden Gesamttextes, dessen Veröffentlichung in den „Vorträgen für Pflanzenzüchtung“ vorgesehen ist, mit der Erarbeitung der bewertenden Gesamtschau im Abschlusskapitel (19) beginnen unter der Überschrift „Auf und Ab in der gesellschaftlich/politischen Wahrnehmung der Agrarwirtschaft und Pflanzenzüchtung in Deutschland im vergangenen Jahrhundert“. Als Ausgangspunkt hierfür ist ein eintägiges Rundgespräch zwischen hochkarätigen Experten aus verschiedenen, einschlägigen Disziplinen vorgesehen, dessen Ergebnis die Zusammenfassung der Monographie in diesem Schlusskapitel wesentlich mitbestimmen soll.
Anregungen zu Details der Darstellung geben Dr. Kley (Berücksichtigung der Rolle von Backe und Strasser, die staatliche Förderung der Pflanzenzucht in Deutschland im Rahmen der „Erzeugungsschlacht“ bis 1945 sowie die entscheidende Mitwirkung von Dr. K.H. Römer, erster BSA-Präsident, und Dr. Büttner als Rechtsberater für die Pflanzenzüchtung der BRD in der frühen Nachkriegszeit), Dr. Bätz (Kooperationsbeispiel Kartoffelzüchter) und Dr. Ahlheim (der die Protokolle der Sortenausschuss-Sitzungen auf generell interessante historische Daten der Nachkriegszeit durchsehen will).
Vorschläge für die nächstjährige Tagung: Dr. Meinel erinnert an die Einladung der Fa.
Benary, die im Vorjahre ausgesprochen wurde und die Dr. Kley ausdrücklich unterstützt. Prof. Röbbelen schlägt im Hinblick auf die GFP-Schrift ggf. als Ort Hannover (das BSA) oder auch Göttingen (und Einbeck) als Tagungsort 2007 vor.
Stadtführung Meissen: Die begleitenden Damen hatten am Morgen bereits mit der Stadtführerin Frau Selzer die Porzellan-Manufaktur besichtigt. Nach der Geschäftssitzung der AG setzten alle Teilnehmer gemeinsam die Stadtführung durch die vom 2. Weltkrieg weitgehend verschonte Altstadt fort und lauschten beim Aufstieg zur Albrechtsburg dem Porzellan-Glockenspiel der Frauenkirche: „Die Himmel rühmen des Ewigen Ehre …“. Mit einem Dank an alle Akteure und einem herzlichen „Aufwiedersehen“ vor dem Dom endete die Tagung.
(A. Meinel, Heimburg)
27./28. Juli 2005 in Erfurt
12. Arbeitstagung im Evangelischen Augustinerkloster zu Erfurt
- 56 Teilnehmer -
Organisation und Leitung:
Dr. W. Reiser, Erfurt,
Dr. A. Meinel, Heimburg,
Dr. H. v.d. Schulenburg, Bad Salzuflen
Herr Dr. Reiser, der die AG schon im vergangenen Jahre nach Erfurt eingeladen hatte, empfing die große Schar der (>40) früh angereisten Teilnehmer um 10:30 Uhr am Haupteingang der ega, der 1952 begründeten und inzwischen international bekannten Erfurter Gartenausstellung. Die Führung durch die gepflegten Anlagen und die bunte Blumenpracht übernahm ein Mitarbeiter der ega, der für den Rundgang einige besonders interessante Objekte ausgewählt hatte, u.a. das „größte ornamental bepflanzte Blumenbeet Europas“ (fast 1 km lang), den Rosengarten und den neuen japanischen Fels- und Wassergarten. Aber in der Kürze der verfügbaren eineinhalb Stunden konnte damit von dem fast 60 ha großen Ausstellungsgeländes nur ein sehr kleiner Ausschnitt besichtigt werden – eine Anregung zum Wiederkommen!
Offiziell begann die Tagung um 14:00 Uhr in der Lehr- und Versuchsanstalt für Gartenbau in der Leipziger Strasse, wo in Vertretung von Herrn Dr. Czekalla die Teilnehmer von der stellvertretenden Direktorin Frau Altmann begrüßt wurden. Ausgehend von einer Ingenieurschule für Gartenbau entstand hier seit 1991 eine moderne Ausbildungsstätte für Meister und Techniker im Gartenbau in Verbindung mit einer Versuchsstation für den Gemüse-, Obst- und Zierpflanzenbau sowie den Garten- und Landschaftsbau. Mit ihrem 15 ha großen Gelände grenzt die Anstalt unmittelbar an die Fachbereiche Gartenbau und Landschaftsarchitektur der Fachhochschule Erfurt und ist mit diesen durch vielfältige Zusammenarbeit verbunden. Sie verfügt über einen gepflegten, z. T. neuen Gebäudebestand und rd. 50 Mitarbeiter, einschließlich der Lehrer, die gleichzeitig Versuchsleiter sind. Über die eigenen ein- bzw. zweijährigen Fachlehrgänge hinaus wurde der Anstalt kürzlich auch die überbetriebliche Ausbildung im Garten- und Landschaftsbau des Landes Hessen übertragen – ein Beleg für ihr hohen fachliches Niveau. Der 2stündige Rundgang durch die Versuchsanlagen ließ das Herz aller Gartenfreunde höher schlagen: Üppig blühende Balkonkästen und Blumenampeln, exakte Prüfanlagen für Rosen und andere Blütenstauden, überreich fruchtende Reihen von Schwarzen Johannisbeeren, Äpfeln oder Schwarzem Holunder; für den Produktionsgartenbau modernste Gewächshäuser und für den Gartenlandschaftsbau eine großzügige Ausbildungshalle und ein kunstvoll angelegter Lehrgarten mit Arboretum und vielgestaltiger Staudenbepflanzung sowie vieles andere mehr.
Zurück im Vortragsraum der Anstalt genossen die Teilnehmer die angebotenen riesengroßen Kirschen ebenso wie die Vorträge von Dr. Blüthner und Dr. Reiser über die Geschichte des Erfurter Gartenbaus von seinen Anfängen unter Christian Reichart (1685-1775), dem Begründer des modernen Erwerbsgartenbaus, bis heute. Beide Berichte sollen demnächst in der GPZ-Reihe „Vorträge für Pflanzenzüchtung“ im Druck erscheinen.
Zum abendlichen Beisammensein trafen sich die Teilnehmer im Luthersaal des Augustinerklosters, wo sie sich dem Ort angemessen vielfältiger Konversation befleißigten. Aber klösterliche Askese ließ das üppige Buffet nicht aufkommen, weshalb unklar blieb, ob zur Nacht Einige durch das niedergehende Gewitter oder eine innere Unruhe aus dem Schlaf gerissen wurden.
Am nächsten Morgen fand die Arbeitssitzung der AG im Raum Wittenberg im Renaissancehof des Klosters statt. Tagesordnungspunkte waren: (1) die Fortführung des Biographischen Lexikons (Nachträge sollen je nach Anfall als „Dokument“ in den „Vorträgen“ veröffentlicht werden; im übrigen soll im BDP in Bonn ein Briefkasten für historisch bedeutsame Informationen eingerichtet werden); (2) die Vorbereitung einer Monographie über „Pflanzenzüchtung in Deutschland – 100 Jahre GFP e.V.“, die Prof. Röbbelen vorstellte und für die er um Mitarbeit bat, und (3) Verschiedenes; hier wurde u.a. Dr. Kley gebeten, bei der DSV anzufragen, ob die AG 9 ihre nächste Tagung im Juni 2006 in Leutewitz veranstalten könnte, wo Christian Adolf Steiger für seine berühmte Merino-Schafzucht schon 1825 mit der Runkelzüchtung begann (die Zusage liegt inzwischen vor!). Zu dieser Tagung soll (so Röbbelen), um der Vergreisung der AG zu begegnen, jedes AG-Mitglied einen interessierten Jungpensionär mitbringen!
Um 10:30 Uhr fand man sich auf dem Hof der alteingesessenen Erfurter Samenfirma N.L. Chrestensen ein, wo der Seniorchef, Herr Niels Lund Chrestensen, mit einigen Ausführungen zur Geschichte des Unternehmens und einer kurzen Vorstellung der Betriebsstruktur und des weltweiten Engagements im gärtnerischen Saatgutgeschäft begrüßte. Über weitere Einzelheiten informierte Dr. Blüthner beim Rundgang durch die Betriebsräume und Außenanlagen.
Samenvermehrte Blumen, Gemüse sowie Arznei- und Gewürzpflanzen stehen im Zentrum der unternehmerischen Aktivitäten von N.L. Chrestensen. Vertragspartner in allen Teilen der Welt produzieren das Saatgut nach verbindlichen Qualitätskriterien. Im firmeneigenen Labor werden Reinheit, Keimfähigkeit und Triebkraft ermittelt, im Probefeld die sortentypischen Merkmale überprüft. Zahlreiche Fragen der Teilnehmer machten den Rundgang kurzweilig. So wurde z.B. berichtet, das im Hobbysamenbeutelbereich neben dem Aufdruck „Keimgewähr bis Monat und Jahr“ ein amtlich festgelegter Buchstabe das Jahr der Füllung des Beutels verrät. Die Aufbereitung der eingehenden Samenpartien erfolgt mit den alt bewährten Saatreinigungsmaschinen aus „Petkus-Wutha“, einer Thüringer Traditionsfirma. Für Kleinstmengen von Feinsämereien ist allerdings weiterhin eine Handaufbereitung notwendig. Hier sind vor allem Erfahrung und Geschick gefragt. Tausende von Saatgutpartien werden jährlich aufgearbeitet und vermarktet. Die Verkaufsbereiche umfassen das internationale Wiederverkäufergeschäft, den gärtnerischen Profibereich und die Hobbygärtner. Millionen der bunten Samenbeutel werden jährlich im eigenen Unternehmen gefüllt und vermarktet. Kennzeichnend für diesen Betrieb ist, dass er bis heute spezielle Samenvermehrungen, die Produktion von Elitesaatgutbeständen und eigene Forschungs- und Entwicklungsarbeit im Bereich der Neuzüchtung von Arznei- und Gewürzpflanzen im Mutterhaus betreibt. So konnten sich die Teilnehmer mit der Erzeugung von F 1-Saatgut bei Petunien und Begonien vertraut machen. Im Probefeld wurden die Arbeiten in laufenden Projekten demonstriert. Auf der Grundlage eines EU-Projekts wurde die weltweit erste F 1-Hybride beim Majoran entwickelt; sie steht 2004/2005 im Pitolanbau. Ein Projekt zur Verbesserung von Welkeresistenz und Inhaltsstoffen beim Johanniskraut wurde 2005 abgeschlossen. Beim Fenchel laufen Arbeiten mit den Zielmerkmalen „Hoher Ölgehalt“, „Niedriger Estragolgehalt“, „Resistenz gegen Doldenkrankheiten“, „Kleinkörnigkeit“ und „Einjährigkeit“. Bei der Petersilie gibt es Vorarbeiten zur Resistenzzüchtung gegen Blattkrankheiten.
Nach einem abschließenden Imbiss dankte Dr. H. Graf v.d. Schulenburg im Namen aller Gäste für die anregende und informationsreiche Betriebsführung.
Die Familie Haage war seit 1640 in Erfurt ununterbrochen zunächst als Obst- und Gemüsegärtner tätig. Als Gärtnerlehrling beim Dresdner Hofgärtner Seidel hatte Friedrich Adolf Haage (1796-1866) die aus Amerika stammenden Kakteen als Pflanze fürstlicher Gärten kennen gelernt und weit blickend deren Liebhaberwert für das aufstrebende Bürgertum erkannt. Auf seine Kakteensammlung aufbauend, gründete sein Sohn Ferdinand 1822 eine Kakteengärtnerei, heute die älteste in Deutschland. Vom Seniorchef des Unternehmens, Hans-Friedrich Haage, begrüßt, erfuhren die Teilnehmer, dass die meisten Kakteen, abgesehen von den vegetativ vermehrten Blattkakteen, nicht eigentlich gezüchtet (gekreuzt), sondern über Samen natürlich erhalten werden. Entsprechend handelt es sich um vielgestaltige Populationen, die nach der neuesten Revision der IOS (Internationale Organisation für Sukkulentenforschung) nur noch (!) 98 Gattungen mit ca. 1500 Arten anstatt bisher 220 Gattungen mit insgesamt ca. 2500 Arten zugeordnet werden. Wie dem auch sei, zu sehen war bei dem Rundgang durch die teils sehr warmen (!) Gewächshäuser eine ungewöhnlich eindrucksvolle Vielfalt von diesen zumeist recht stacheligen Spezialisten. Dass in dem heute mehr als 150 Jahre alten Familienunternehmen eine einmalige Kompetenz in deren Behandlung und Kultur angehäuft wurde, bekundete Herr Haage mit seinen Antworten auf die vielen Fragen der Besucher eindrucksvoll. Aber die wirtschaftliche Entwicklung des Unternehmens verlief während der fünf Generationen Haage keineswegs geradlinig, und es folgten dem ersten Kakteenboom der Biedemeierzeit mehrfach Rückschläge, ein vorletzter in der NS-Zeit (Kakteen wurden als „nicht-arisch“ angesehen). 1972 kam der Betrieb als „Brigade Kakteenzucht“ zum VEG Saatzucht Zierpflanzen Erfurt. Nach der Reprivatisierung 1990 ging es dann unter dem Namen Kakteen-Haage wieder aufwärts. Inzwischen konnte der Geschäftsbereich des Unternehmens dem Sohn Ulrich Haage nach Abschluss seines Marketing-Studiums übergeben werden, so dass sich der Vater heute wieder ausschließlich seiner großen Liebe, der Kakteenkultur widmen kann.
Damit endete das offizielle Tagungsprogramm der AG. Eine kleinere Gruppe machte anschließend mit Dr. Reiser noch einen Besuch bei Frau Dipl.agr. Annegret Rose. Diese betreibt vor den Toren der Stadt seit 1993 als Neugründung aus dem VEG Saatzucht Zierpflanzen Erfurt auf 100 ha arrondierter Pachtfläche mit 7 Voll- und 13 Teilzeit-Mitarbeitern Samenvermehrungen von Sommerblumen, Stauden, Heil- und Gewürzpflanzen (rd. 250 Arten/Sorten) – ein bemerkenswert engagiertes Unternehmen, das kennen zu lernen zur historischen Abrundung der Tagung nicht hätte fehlen dürfen.
(G. Röbbelen, Göttingen)
24./25. Juni 2004 in der Westerburg und Schlanstedt
11. Arbeitstagung bei der Fr. Strube Saatzucht Söllingen
- 67 Teilnehmer -
Organisation: Dr. A. Meinel, Heimburg, u. Dr. H. Graf v.d. Schulenburg, Bad Salzuflen
Die Anregung von Herrn Dr. Hermann Strube, für das diesjährige Treffen die Westerburg an der Straße der Romanik, bei Dedeleben nordwestl. Halberstadt, zu wählen, war ein „Goldtipp“ (Romanikpreis in Gold im April 2003 und Landestourismuspreis in Gold im Mai 2003). Seit 1999 im Privatbesitz der Familie Lerche und von dieser seit 2000 als Hotel genutzt (****, lerche@hotel-westerburg.de), gehört die Westerburg zu den ältesten und besterhaltenen deutschen Wasserschlössern mit bedeutenden romanischen Bauteilen, einer kastellartigen Wohnburg (um 1300) mit rundem Bergfried (um 1200), einer ovalen Vorburg als Wirtschaftshof in Fachwerkbau (um 1450), eingeschlossen von einem hohen Erdwall und doppeltem Wassergraben und zugänglich nur durch das spätgotische Vortorhaus auf dem Wall, das der (ehem.) Zugbrücke über den inneren Burggraben vorgelagert ist. Eine Führung durch die Gesamtanlage, den Fürstensaal mit beeindruckenden spätgotischen Balken, die barocke Schlosskapelle u.a. war allerdings den 28 „Begleitpersonen“ vorbehalten.
Für die AG-Mitglieder begann das Tagungsprogramm um 13 Uhr mit der Internen Sitzung.
Nach Begrüßung durch Dr. Meinel wurde die Tagesordnung genehmigt. Auf Grundlage der neuen Geschäftsordnung für die Arbeitsgemeinschaften der GPZ (vom Vorstand beschlossen am 5.1.2004) leitete Prof. Röbbelen die Wahl der AG-Leiter: Sein Vorschlag, die bisherigen Leiter, Dr. A. Meinel und Dr. H. Graf von der Schulenburg, wiederzuwählen, wurde von den Anwesenden einstimmig durch Akklamation bestätigt und ihre Wahl von den beiden Gewählten angenommen.
Über das „Biographische Lexikon zur Geschichte der Pflanzenzüchtung“ und den Stand der Erarbeitung der 3. Folge-Ausgabe berichtete Prof. Röbbelen. Es liegen dafür inzwischen rd. 200 Artikel m.o.w. druckfertig vor. Das allen Teilnehmern zugesandte „Namens-verzeichnis“ der noch nicht in den Folgen 1 und 2 behandelten Personen lässt erkennen, dass es möglich sein sollte, die überwiegende Anzahl der zurzeit erreichbaren Daten mit einer abschließenden Anstrengung zu heben. Deshalb wurde beschlossen, die 3. Folge im laufenden Jahre fertig zu stellen und rechtzeitig vor Weihnachten herauszubringen. Sie soll enthalten: (1) die noch fehlenden Biographien aller Personen, die im deutschen Sprachraum Pflanzenzüchtung als Wissenschaftler, praktische Züchter oder in fachnahen Bereichen betrieben und im Jahre 2004 das 65. Lebensjahr erreicht oder ihre diesbezügliche berufliche Tätigkeit abgeschlossen haben. Noch ausstehende Unterlagen sollen dem Herausgeber, Prof. Röbbelen, vor dem 15. September 2004 zugesandt werden;
(2) eine vollständiges Namensverzeichnis einschließlich derjenigen, für die keine detailliertere Informationen zur Erstellung einer Kurzbiographie, aber doch Daten zu Lebensjahren und -orten sowie Zuchtobjekten verfügbar sind;
(3) Korrekturen und Ergänzungen zu Inhalten der 1. und 2. Folge.
Auch zu (2) und (3) werden alle AG-Mitglieder vor dem 15.9. um Ergänzungen gebeten!
Abschließend zu diesem TOP wird festgestellt, dass ein „Briefkasten“ im GPZ-Sekretariat eingerichtet werden sollte, in dem alle zukünftig anfallenden personenbezogenen Daten über Pflanzenzüchter (z.B. Ehrungen, Nachrufe u.ä.) gesammelt werden sollen, um sie zu gegebener Zeit als Unterlagen für eine 4. Folge oder Neuauflage zur Verfügung zu haben.
Den Vorschlag für die Erarbeitung einer Monographie mit dem Titel „Pflanzenzüchtung in Deutschland – 100 Jahre GFP e.V. (1908-2008)“ erläutert Prof. Röbbelen. Diese Jubiläumsausgabe soll insbesondere die Wissenschafts- und Wirtschaftsgeschichte der Pflanzenzüchtung behandeln. Eine erste Themengliederung liegt diesem Protokoll bei. Das Gelingen des Vorhabens hängt wesentlich davon ab, ob eine hinreichende Anzahl von bereitwilligen und zureichend kompetenten Autoren für die einzelnen Kapitel gefunden werden kann. Darüber soll in den nächsten Monaten ein Gespräch zwischen den Koordinatoren der 5 skizzierten Kapitel entscheiden, in dem auch über mögliche Referenten zu den (über 20) Einzelthemen zu beraten sein wird. Anregungen zum Inhalt und für Autoren sind jederzeit willkommen!
In Fortsetzung des Programms fuhren die Teilnehmer mit den eigenen PKWs in das 6 km entfernte Dorf Hessen, wo Herr A. Bartsch: Die Lustgärten des Johann Royer (1574-1655) vorstellte. Vor dem Vergessen bewahrt wurde diese manieristische Gartenanlage von europäischem Niveau durch ihre Aufnahme in das große Topographiewerk des Matthäus Merian (1654) und vor allem durch die von Royer in hohem Alter selbst gefertigte, umfangreiche Niederschrift „Beschreibung des ganzen Fürstl. Braunschw. gartens zu Hessem, mit seinen Künstlichen Abteihlungen, Qvartieren, gehegken, gebeuden, Lauber Hütten, WaßerKunsten, Prunnen und ausgehawenen Bildern, auch Ordentliche Specifikation aller derer Simplicium und Gewechse…, darinnen mit groser Lust und Verwunderung gezeuget worden, …“, erstmals erschienen 1648 in Halberstadt. In natura ist die Anlage neben den Ruinen des Fürstlichen Schlosses in Hessen heute nur noch in ihren Umrissen in der Gestalt einer rechteckigen Wiese erkennbar. Ausgangspunkt war die Wahl Hessens als Witwensitz durch Herzog Julius von Braunschweig (1568-1589), dessen Gattin sich hier bereits in vielfältiger Weise der Gartenkunst widmete. Aber erst ihre Schwiegertochter Elisabeth, eine Prinzessin aus königlich-dänischem Hause, verfolgte gemeinsam mit ihrem Gemahl Herzog Heinrich Julius (1589-1613) den Plan, aus den vorhandenen Anlagen einen wesentlich prächtigeren, eindrucksvolleren Lustgarten entstehen zu lassen. Dafür konnte sie, durch Vermittlung des Erzbischofs von Köln, den damals schon wohl bekannten Gartenmeister Johann Royer aus „Welsch Brabant“ gewinnen und 1607 nach Hessen holen. Unterstützt von zwei Gesellen und von der Herzogin direkt gefördert, insbesondere nachdem sie 1613 als Witwe in Hessen persönlich Wohnung genommen hatte, schuf Royer innerhalb von 15 Jahren eine erstrangige Gartenanlage mit 9 Quartieren in jeweils individuell konzipierter geometrischer Gestaltung (z.B. als Wappen-Quartier, als Rauten-, Stern-, Brunnen-, Trommel- oder Päonien-Quartier etc.), die ihresgleichen in Europa vor allem wohl deshalb kaum hatte, weil Royer hier eine so große Fülle von an die 1900 Pflanzenarten zusammenbrachte, dass der Bestand fast alle damals in Deutschland vorhandenen kultivierten und wilden Zierpflanzensippen und zahllose weitere aus der ganzen Welt umfaßte. Wie sein „Catalogus Derer Gewächse, so hieselbst zu Hessen, Bey Zeiten der Durchleuchtigen, Hochgebornen Fürstin und Frawen, Frawen Anna Sophia (die Schwiegertochter von Elisabeth), … von Anno 1630. an biß in das 1651. Jahr gezeuget worden“ ausweist, entsprach der Hessener Garten weniger einem landesüblichen Lustgarten als vielmehr einem Botanischen Garten, dessen Artenreichtum sich mit den Beständen der berühmtesten in Kopenhagen, Leiden, Paris, Altdorf der Padua messen konnte. Die zwei mit diesem Catalog überlieferten Pflanzenlisten (die erste alle Arten bis 1630 enthaltend) zweifelsfrei zu entschlüsseln, stößt allerdings auf erhebliche Schwierigkeiten; denn die erst von Linné eingeführte binäre Nomenklatur existierte damals noch nicht, und Royer verwendete die Bezeichnungen verschiedener Autoren oft ohne genauere Konnotation. Im anschließenden Küchengarten standen in Hessen nach dem Pflanzenkatalog Royers mehr als 270 gärtnerische Nutzpflanzen, für die er in seiner Schrift nicht nur bemerkenswert präzise Kulturanleitungen, sondern auch Rezepte zur ihrer Verwendung beifügt, wie er den etwa 100 hier kultivierten Obstgehölzen ebenso Anweisungen zur Technik erfolgreichen Pfropfens, die besondere Eignung einzelner Sorten als Reis oder Unterlage und vieles mehr anfügt. Sein Epitaph in der Kirche zu Hessen, das für ihn bereits 1638 sehr kunstvoll gefertigt wurde und ihn als wohlhabenden Mann im Kreise seiner Familie darstellt, lässt jedoch auch ein von schweren Schicksalsschlägen geprägtes Leben erkennen: Er verlor 3 von 4 Ehefrauen und 8 von 9 Kindern dieser Ehen. Der einzige verbliebene Sohn Maximilian erlernte das väterliche Metier und wurde später sein Nachfolger. Doch nach ihm verfiel der Garten in Hessen in wenigen Jahren. Eine Posterausstellung in einem verbliebenen Flügel des Fürstl. Schlosses, erarbeitet für ein wiss. Symposium 1998 anlässlich des 350. Jahres nach dem Erscheinen von Royers Schrift anhand von Modellen, vermittelte eine Ahnung von der damaligen Pracht dieses Fürstlichen Lustgartens aus der Zeit zwischen Renaissance und Barock.
Weiter gings wieder an der Westerburg vorbei zum 20 km entfernten Schlanstedt, woselbst auf der Burg (der ehem. preußischen Domäne, von 1836-1945 ununterbrochen bewirtschaftet durch die Familie Rimpau) der heutige Burgherr Brümmer mit kunstvoll von seinen Kindern gefertigten Tischkarten und selbst gebackenem Kuchen die Gäste zum Kaffeetrinken erwartete. Mit informativen Angaben über die Geschichte von Schlanstedt wurden sie vom ehem. Ortsbürgermeister Dr. G.-E. Schuster willkommen geheißen, gefolgt von Herrn Henry Dannenberg, der über die Anfänge der Pflanzenzüchtung in Schlanstedt durch Rimpau, Strube und Behrens berichtete. In zwei Gruppen, geführt vom Burgherrn und seiner 15-jähr. Tochter, folgte ein Gang durch die geschichtsträchtigen Räume der Burg, anschließend die Besichtigung der von Frau O. Braune gestalteten Heimatstube im Dorf mit einer Sammlung ländlichen Materials und Mobiliars sowie Dokumenten zur Saatzuchtgeschichte, die vor wenigen Jahren noch ihren Platz in der Burg hatten, und zuletzt eine Fahrt mit der Feldbahn, die die Fa. Fr. Strube zum Gütertransport von ihren 1915 entstandenen Speichern zum 3 km entfernten Landesbahnhof in Eilenstedt zunächst Pferde-bespannt, danach mit Dieselloks noch bis in die 50er Jahre betrieb und die zurzeit im Rahmen eines agrartechnischen Museums ausgebaut wird.
Zurück in der Westerburg erwartete der Gastgeber, die Fa. Strube, die Teilnehmer zum abendlichen Diner im festlichen Rittersaal der Burg – Gelegenheit nicht nur zu gepflegtem Speisen wie vor Hunderten von Jahren, sondern auch zu jedwedem Gespräch, persönliche, fachliche, kulturelle oder politische Dinge betreffend. Aber auch dabei blieben die Teilnehmer vom Nüsseknacken nicht verschont. Dr. Meinel und seine Frau präsentierten eine Auswahl aus 51 landwirtschaftlichen Rätseln, die der Landwirt und Züchter Wilhelm Rimpau (1842-1903) für seine Kinder und Enkel gereimt und aufgeschrieben hatte, um ihr Interesse an Natur und Landwirtschaft zu fördern („Großvaters landwirtschaftliche Rätsel“). Mit gleicher Absicht verfasste und illustrierte Rimpau 1885 ein „Lehrreiches „Bilderbuch für intensive Landwirtskinder“ (beides: Archiv der Familie Rimpau) in anmutigen Reimen, dessen Titelblatt ihn selbst und seinen 4-jährigen Sohn Wilhelm mit Botanisiertrommel zeigt, beide auf ein pflügendes Ochsengespann zugehend. Darunter schrieb er: „A bove majori discit arare minor“ (Vom großen Ochsen lernt das Pflügen der kleine).
Das Programm des nächsten Morgens begann im großzügig renovierten Laborgebäude in Schlanstedt, das die Fa. Fr. Strube aus ihrem ehem. Eigentum 1992 zurückkaufte, um hier ihr Rübenqualitätslabor und ein modernes In-vitro-Kulturlabor für die Herstellung von DH-Zuckerrüben zu installieren. Mit einem kurzen historischen Abriß zur Fr. Strube Saatzucht eröffnete Dr. Hermann Strube, der alleinige Geschäftsführer des Familienunternehmens, das Vortragsprogramm, welches in der Einladung zu dieser Tagung mit „Anfang und Flucht, Neuanfang und Rückkehr“ überschrieben worden war. In Stichworten kennzeichnete er die Entwicklung wie folgt:
1877: Der Landwirt Friedrich Strube beginnt in Schlanstedt mit der Auslesezüchtung von Zuckerrüben und Weizen.
1897: Sein Sohn Hermann übernimmt den Saatzuchtbetrieb vom Vater und baut in den folgenden zwei Jahrzehnten mit unternehmerischem Weitblick alle wichtigen Saatzuchtgebäude in Schlanstedt mit einer vorbildlichen Einrichtung und in zukunftsweisender Dimension.
1910: Strube beizt als erster Züchter das gesamte Weizensaatgut gegen Steinbrand.
1919: Hermann Strubes Witwe Elisabeth übernimmt nach dem Tode ihres Mannes die Geschäftsführung.
1925: Pachtung der Schlossdomäne Schöningen, Krs. Helmstedt.
1938: Der Sohn Johann Friedrich Strube wird Mitgesellschafter.
1945: Enteignung des Stammsitzes in Schlanstedt; Verlust nahezu des gesamten Zuchtmaterials. Flucht der Familie in die Westzone auf die Domäne Schöningen; dort Wiederaufnahme der Züchtungsarbeit.
1964: Verlegung des Firmensitzes nach Söllingen in eine stillgelegte Zuckerfabrik.
1965: Mitbegründung der Saaten-Union GmbH in Hannover.
1966: Gründung der Zuckerrüben-Zuchtgemeinschaft Strube-Dieckmann und Ausbau der bestehenden Zusammenarbeit mit dem Züchter van der Have in Holland. Zulassung der ersten genetisch monogermen triploiden Hybrid-Zuckerrübensorte ‚Gemo’ in Deutschland für Strube-Dieckmann.
1972: Dr. Hermann Strube übernimmt nach dem Tode des Vaters Johann-Friedrich Strube die alleinige Geschäftsführung.
1982: Beitritt zur Hybridroggen-Zuchtgesellschaft ‚Hybro’ GmbH & Co. KG.
1991: Vereinbarung über Sortenpoolung von Strube und Ackermann und Übernahme der Zweigniederlassung Irlbach in Bayern.
1992: Rückkauf von Teilen des Stammsitzes in Schlanstedt.
1999: Wechselweizen von Strube erhält Markenzeichen (WeW®)
2000: Vorstellung des BlueMobil in Ingeleben.
2001: Zulassung der in Deutschland ersten dreifach krankheitstoleranten Zuckerrübensorte ‚Premiere’.
Diesem Strube-Portrait schloss sich der Vortrag von Herrn Ulrich Dieckmann an über die Fa. A. Dieckmann, ehem. Heimburg, dessen Sohn heute gleichfalls in der 4. Generation die Verantwortung für das Familienunternehmen jetzt in Sülbeck b. Stadthagen trägt. Auch in dieser Familie riß der Krieg tiefste Wunden: Adolf Dieckmann, der Sohn des ersten Zuckerrübenzüchters und Firmengründers als Domänenpächter in Heimburg, wurde 1945 von den russischen Besatzungstruppen verschleppt und kehrte erst nach über 10 Jahren heim, um ein Jahr später an den Folgen dieser Gefangenschaft zu sterben. Seine Frau Anna Marie nahm nach der Flucht aus der sowjetisch besetzten Zone die Züchtung im Krs. Goslar unter primitivsten Verhältnissen wieder auf. 1947 konnten erstmals wieder Samen der bekannten Sorten ‚Dieckmanns E’ und ‚Dieckmanns Z’ verkauft und 1949 frühere Exportverbindungen nach Belgien und Frankreich aufgenommen werden. 1952 folgte die Pachtung der 13 ha großen Flüchtlingssiedlung Hof Sülbeck. In mühsamen kleinen Schritten wurden auf der Basis nachbarschaftlichen Vertrauens bis 1967 in 6 umliegenden Dörfern weitere Höfe gepachtet und der Betrieb auf 160 ha erweitert.
Mit Gründung der Zuchtgemeinschaft Strube-Dieckmann eröffnete sich 1966 auch für die eigene Zuckerrübenzüchtung eine neue Dimension. Dieser Fortschritt hält bis heute an: Wurden damals in den Sortenversuchen rd. 6,5 t Zucker je Hektar geerntet, so sind es heute im Jahre 2000 rd. 12 t/ha, ohne dass bereits eine absolute Ertragsgrenze erkennbar wäre. Allerdings schafft das Zuckerrohr von der gleichen Fläche etwa 20 t Zucker und dieses in Ländern, die mit weit geringeren Kosten als wir in Europa produzieren. Die anschließende Diskussion warf daher unter anderem auch Fragen nach möglichen zukünftigen Leistungsfortschritten und der Wettbewerbsfähigkeit der Zuckerrübenerzeugung auf, insbesondere hinsichtlich der in Europa zurzeit politisch erörterten Änderungen der Zuckermarktordnung.
Den Abschluß der Veranstaltung bildete eine Führung durch die modernen Einrichtungen des Rübenqualitätslabors sowie der Biotechnologie-Labors im Hause, wobei die Arbeitsgruppenleiterinnen Frau Hassa und Frau Dehmel über zwei Forschungsvorhaben zur Erzeugung von doppelhaploiden Zuckerrübenlinien über eine In-vitro-Ovarien bzw. -Pollenkultur einerseits und über weite Kreuzungen mit Spinat, Mangold u.ä. andererseits berichteten.
Nach einem herzhaften Imbiß dankte Graf v.d. Schulenburg im Namen der Gäste für das fachlich überaus lohnende Programm und zugleich für die gastliche Aufnahme und Bewirtung im Hause Strube. Er erinnerte alle AG-Mitglieder noch einmal an den in der Internen Sitzung beschlossenen Termin für die Zuarbeit zur 3. Folge des Lexikons. Zuletzt kündigte Prof. Röbbelen, ermächtigt durch Dr. W. Reiser, als möglichen Treffpunkt für die nächstjährige Tagung Erfurt an.
(G. Röbbelen, Göttingen)
